Deutschlandstipendiat*innen

Wer sind die diesjährigen Träger des Deutschlandstipendiums, die die Universitäts-Gesellschaft Hamburg unterstützt? Was bewegt sie; was studieren sie – und warum? Lesen Sie mehr in den folgenden Interviews.

Lilian Grösser

Studentin der Ethnologie im Master an der Universität Hamburg, 27 Jahre, gebürtig aus Gießen in Hessen

UGH: „Seit wann leben Sie in Hamburg? Warum haben Sie sich für die Universität Hamburg entschieden?“

Lilian Grösser: „Ich lebe inzwischen seit 6 ½ Jahren in Hamburg. Vor meinem Master habe ich an der Universität Hamburg bereits meinen Bachelorabschluss in den Fächern Ethnologie und Soziologie absolviert. Aufgewachsen bin ich in einem kleinen Dorf in Hessen. Damals, zu Beginn meines Bachelorstudiums, habe ich mich, ehrlich gesagt, auch für die Stadt Hamburg zum Studieren entschieden. Ich wollte ein bisschen ‚über den Tellerrand hinaus‘ gucken. Dafür waren Hamburg als Studienstadt und mein Studium der Ethnologie an der Universität Hamburg genau das Richtige!“

UGH: „Welches Fach studieren Sie und warum?“

Lilian Grösser: „Ich studiere Ethnologie im Master und habe mich aus verschiedenen Gründen für den weiterführenden Masterstudiengang an der Universität Hamburg entschieden. Das Institut für Ethnologie in Hamburg ist eines der wenigen in Deutschland, die keinen explizit festgelegten regionalen Schwerpunkt haben. An unserem Institut lehren dementsprechend Professor*innen, die ihre regionalen Forschungsschwerpunkte in verschiedenen Ländern und Regionen der Welt haben: Mexiko, Indonesien, Indien, Sibirien oder Namibia beispielsweise. Das bedeutet, dass wir sehr frei sind in der Wahl unserer Studien- und Forschungsinteressen. Gleichzeitig ist der Masterstudiengang Ethnologie an der Universität Hamburg ein sehr forschungsorientierter Studiengang. Ethnographisches Forschen und Arbeiten hat mir von Beginn meines Studiums an sehr viel Spaß gemacht.“

UGH: „Welches berufliche Ziel verfolgen Sie?“

Lilian Grösser: „Ich kann mir gut vorstellen, nach meinem Studium in der politischen Bildungsarbeit tätig zu werden. Aber auch ethnographische Forschung interessiert mich weiterhin sehr. Dies war auch ein Grund für mich, den forschungsorientierten Masterstudiengang hier in Hamburg zu beginnen. Momentan bin ich als Teil des Vereins 6. Autonomes Frauenhaus Hamburg außerdem am Aufbau des neuen Frauenhauses hier in Hamburg beteiligt. Ich kann mir gut vorstellen, mein theoretisches Wissen auch praktisch umzusetzen und Menschen in diesem Bereich zu begleiten und zu unterstützen.“

UGH: „Welche Unterschiede in der Mentalität stellen Sie bei den Hamburgern bzw. den Deutschen fest?“

Lilian Grösser: „Um ehrlich zu sein, würden mir keine einfallen. Natürlich gibt es die gängigen Klischees von den ‚kühlen Hamburger*innen‘. Das habe ich nie so empfunden. Hamburg, das ‚Tor zur Welt‘, ist so divers und bunt, dass ich kaum glaube, irgendwer könnte unter Hamburger*innen eine kollektive Mentalität ausmachen. Im Übrigen ist der Begriff der Mentalität aus ethnologischer Perspektive ein sehr problematischer und umstrittener Begriff. Ähnlich heiß diskutiert wird in der Ethnologie übrigens auch der im öffentlichen Diskurs so viel verwendete Begriff der Kultur. Während diese Konzepte in der öffentlichen Diskussion häufig unhinterfragt verwendet oder sogar politisch instrumentalisiert werden, wie momentan vor allem von rechtspopulistischen Gruppen und Parteien, hat in der Ethnologie eine jahrzehntelange Auseinandersetzung mit diesen Konzepten stattgefunden. Und insbesondere ethnographische Forschungen zeigen, dass Begriffe wie ‚Mentalität‘ zu ungenau und zu schwammig sind. Das ist genau der Grund, warum ich die Ethnologie für eine enorm wichtige wissenschaftliche Disziplin halte.“

UGH: „Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf Sie und Ihr Studium? Wie gehen Sie damit um? Wie halten Sie Kontakt mit Ihrer Familie?“

Lilian Grösser: „Durch die Corona-Krise werde ich die letzten Seminare meines Masterstudiums nun online absolvieren müssen. Das ist neu und ungewohnt, aber hoffentlich machbar. Meine ethnographische Feldforschung hatte ich vor Corona glücklicherweise schon fast abgeschlossen. Es fehlen zwar noch einige Interviews, die ich nun aber entweder per Skype durchführe oder verschoben habe. Auch das ist Neuland – Digital Anthropology ist ein Bereich der ethnologischen Forschung, der sich gerade erst entwickelt.

Ich nutze die Zeit zuhause außerdem dafür, mich mit den Einträgen in meinem Feldforschungstagebuch intensiver auseinanderzusetzen. Leider fehlt dabei der lebendige Austausch mit anderen Studierenden. Da meine Familie mehr als 400 km von Hamburg entfernt lebt, ändert sich nicht viel: Wir telefonieren jede Woche und zu Ostern gab’s ein Paket von Zuhause mit ausreichend Schokoladenproviant!“

Das Interview führte Astrid Dose.

Foto© privat

Isis Alexandra Offen

Die 26-jährige Hamburgerin engagiert sich neben ihrem Doppelstudium (Geographie und Spanisch /Gymnasiales Lehramt und Geschichte/Master of Arts) in mehreren Orchestern.

xxx © privat

UGH: „Wieso ist Ihre Wahl auf das Lehramtsstudium gefallen?“

Isis Offen: „Der Lehrerberuf war schon früh in meiner Schulzeit mein Berufsziel; lediglich bei der Fächerkombination war ich mir unsicher, da ich sehr viele Interessen hatte und habe. Seit der achten Klasse habe ich mich im Nachhilfebereich engagiert und die Arbeit mit anderen Kindern und Jugendlichen hat mir viel Freude bereitet. Besonderes Augenmerk legte ich auf die Nachhaltigkeit des Wissenserwerbes. In der Oberstufe habe ich mich näher mit Berufsmöglichkeiten beschäftigt. Dabei hat sich mein Berufswunsch aufgrund der vielfältigen Möglichkeiten der Schwerpunktsetzung und Anwendbarkeit des Lehramtsstudiums verfestigt.“

UGH: „Inwiefern hilft Ihnen das Deutschlandstipendium?“

Isis Offen: „Das Deutschlandstipendium ermöglicht mir viele horizonterweiternde Erfahrungen und die Finanzierung studienbegleitender fachlicher Weiterbildungen. Neben der Anschaffung von Studienliteratur habe ich mit dem Stipendium in den letzten Jahren den Besuch einiger Tagungen im Bereich Biogeographie sowie geographischer Exkursionen finanziert. Den Großteil des Geldes habe ich für einen Studienaufenthalt in Sevilla sowie für Auslandsaufenthalte für die Datenerhebung für meine Bachelor- und Masterarbeit in Geographie verwendet.“

UGH: Was waren Ihre überraschendsten und interessantesten Erlebnisse während Ihres Auslandssemester in Sevilla?“

Isis Offen: „Das Überraschendste war die Freundlichkeit und Offenheit meiner spanischen Kommiliton*innen gleich am ersten Vorlesungstag. Sie gaben mir das Gefühl, angekommen zu sein und nahmen mich schnell in ihre Gruppe auf. Damit hatte ich nicht gerechnet, da man häufig von Erasmus-Rückkehrer*innen hört, dass die Integration in den Klassenverband sowie nachhaltige Kontakte mit „einheimischen“ Studierenden schwierig sei. Auch vier Jahre nach meinem Auslandssemester habe ich noch enge Verbindungen nach Sevilla.

Interessante Erlebnisse kamen häufig durch kulturelle Unterschiede zwischen Deutschland und Spanien zustande. Gerade in meiner Gastfamilie hatten wir sehr viele Diskussionen über dieses Thema; Beispiele hierfür sind der Tagesrhythmus, die Ernährung und die soziale Interaktion, die sich eher im öffentlichen Raum als zu Hause abspielt. Darüber hinaus hat mich die ständige Präsenz der Geschichte der Region im Stadtbild fasziniert, da z. B. römische Ausgrabungen oder die katholische Kathedrale in einer ehemaligen Moschee ein fester Bestandteil meiner täglichen Wege durch die Stadt waren.“

UGH: „Wie sehen Ihre beruflichen Pläne für die Zukunft aus?“

Isis Offen: „Neben meinem Lehramtstudium studiere ich seit April 2018 zusätzlich Geschichte im Master. Mein Wunsch wäre eine Promotion im Anschluss an die beiden Masterarbeiten in Richtung historische Mensch-Umwelt-Interaktion mit einer anschließenden wissenschaftlichen Laufbahn an der Universität, wobei mir besonders die Verbindung zwischen Forschung und Lehre am Herzen liegt.“

Das Interview führte Astrid Dose.

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